25 Jahre Grundbildung an der VHS

Das Alpha-Team des VHS-Grundbildungszentrums
Vor 25 Jahren nahm die Hamburger Volkshochschule als bundesweit eine der ersten Bildungseinrichtungen Alphabetisierungskurse für Erwachsene in ihr Programm auf - am 2.9.11 wurde anlässlich des Jubiläums feierlich zurückgeblickt und vorausgeschaut.
Frau Dr. Hannelore Bastian, Sprecherin der Geschäftsführung, konnte im Namen der Hamburger Volkshochschule zahlreiche Gäste begrüßen:
- Herr Schröder-Kamprad, Leiter des Amtes für Weiterbildung in der Behörde für Schule und Berufsbildung
- Frau Professorin Dr. Anke Grotlüschen von der Universität Hamburg
- Herr Dr. Ernst-Dieter Rossmann, Vorsitzende des Deutschen Volkshochschulverbands und Mitglied des Deutschen Bundestages
- Frau Hanemann vom Unesco-Institut für Lebenslanges Lernen
- Herrn Drucks von der Universität Duisburg-Essen
- Frau Stapelfeldt vom Lionsclub Hamburg
- unsere Kursleiterinnen und Kursleiter
- unsere Teilnehmerinnen und Teilnehmer, auch Ehemalige waren dabei
- unsere Partner aus Billstedt, aus Altona und den anderen Bezirken,
- die Kolleginnen und Kollegen aus anderen Volkshochschulen, aus Bildungs- und Kultur- Einrichtungen,
- von Arbeit und Leben und den Bücherhallen
- Vertreter der Arbeitsverwaltung, von Wohnungsbaugesellschaften und der Stadtreinigung Hamburg
Foto-Impressionen dieser Veranstaltung finden Sie unten. Wir möchten die Gelegenheit nutzen, notwendige Aufklärungsarbeit zu leisten:
Professorin Dr. Anke Grotlüschen von der Universität Hamburg hatte zu Beginn des Jahres mit ihrer "leo"-Studie ("leo. – Level-One Studie", Literalität von Erwachsenen auf den unteren Kompetenzniveaus) für Aufregung gesorgt.
Doch leider beklagte DIE ZEIT-Kommentator Martin Spiewak bereits im April zu Recht "Das große Phlegma - Wo bleibt die Debatte über die hohe Zahl der Analphabeten?"
Umso erfreulicher war es, dass Professorin Grotlüschen auf der Jubiläumsveranstaltung die Ergebnisse ihrer Studie einem sehr breit gefächerten Publikum noch einmal erläuterte.
Hier einige Kernaussagen (Das erfrischend kompakte Presseheft zur Studie können Sie sich auf der Projekt-Website herunterladen.):

Funktionaler Analphabetismus betrifft mehr als vierzehn Prozent der erwerbsfähigen Bevölkerung (Lage auf Alpha- Level 1-3*, 18-64 Jahre).
Das entspricht einer Größenordnung von 7,5 Millionen Funktionalen Analphabet/inn/en in Deutschland.
* Davon wird bei Unterschreiten der Textebene gesprochen, d.h., dass eine Person zwar einzelne Sätze lesen oder schreiben kann, nicht jedoch zusammenhängende – auch kürzere – Texte. Betroffene Personen sind aufgrund ihrer begrenzten schriftsprachlichen Kompetenzen nicht in der Lage, am gesellschaftlichen Leben in angemessener Form teilzuhaben. So misslingt etwa auch bei einfachen Beschäftigungen das Lesen schriftlicher Arbeitsanweisungen.
Fehlerhaftes Schreiben trotz gebräuchlichen Wortschatzes zeigt sich bei weiteren fünfundzwanzig Prozent der erwerbsfähigen Bevölkerung, dies betrifft vor allem die Rechtschreibung (Lage auf Alpha-Level 4**, 18-64 Jahre). Das entspricht über 13 Millionen Menschen in Deutschland.
** Davon wird gesprochen, wenn auf Satz- und Textebene auch bei gebräuchlichen Wörtern langsam und/oder fehlerhaft gelesen und geschrieben wird. Die Rechtschreibung, wie sie bis zum Ende der Grundschule unterrichtet wird, wird nicht hinreichend beherrscht. Typische Betroffene vermeiden das Lesen und Schreiben häufig.
Analphabetismus im engeren Sinne betrifft mehr als vier Prozent der erwerbsfähigen Bevölkerung (Lage auf Alpha-Level 1-2***, 18-64 Jahre).
*** Davon wird bei Unterschreiten der Satzebene gesprochen, d.h., dass eine Person zwar einzelne Wörter lesend verstehen bzw. schreiben kann – nicht jedoch ganze Sätze. Zudem müssen die betroffenen Personen auch gebräuchliche Wörter Buchstabe für Buchstabe zusammensetzen.

Herr Schröder-Kamprad, Leiter des Amtes für Weiterbildung in der Behörde für Schule und Berufsbildung:
"Das Ausmaß des Problems ist bisher unterschätzt worden und die Lebens- und Lerngeschichten der Teilnehmenden zeigen, dass wir noch weit davon entfernt sind, dass dieser Bereich enttabuisiert ist und Menschen, die diese Angebote brauchen, auch von ihnen wissen und sie nutzen können."
"Mehr als die Hälfte derjenigen, die mit dem Lesen und Schreiben noch Probleme haben, sind in Beschäftigung. Daher brauchen wir eine verstärkte Zusammenarbeit mit Betrieben. Hier sind neue Strategien nötig. Aber die Zusammenarbeit im Rahmen des VHS Projekts GRAWiRA mit der Stadtreinigung, mit der Firma Budnikowsky, mit der Firma Gallas zeigt, dass dies möglich ist."
Der Vorsitzende des Deutschen Volkshochschulverbands und Mitglied des Deutschen Bundestages, Dr. Ernst-Dieter Rossmann, ließ es sich nicht nehmen, direkt von einer außerordentlichen Sitzung des Bundestages in Berlin ins Grundbildungszentrum nach Hamburg-Billstedt zu fahren, um dem gespannten Auditorium die neuesten Entwickungen in Sachen Grundbildung auf bundespolitischer Ebene zu erläutern.
Er berichtete von Bestrebungen und Schwierigkeiten, alle gewünschten Partner für den beabsichtigten "Nationalen Pakt für Alphabetisierung und Grundbildung" zu gewinnen.
Dr. Rossmann sprach von einer gewaltigen Aufgabe, angesichts der bisher äußerst geringen Zahl von nur etwa 15.000 Teilnehmenden, die bisher jährlich von den Alphabetisierungsangeboten bundesweit erreicht werden. Diese Zahl in einem Zeitraum von wenigen Jahren auf 200.000, optimistischste Forderungen sprechen gar von 500.000 Teilnehmenden, zu steigern, sei eine Herausforderung, der man sich nicht halbherzig stellen dürfe. In diesem Sinne seinen die in Aussicht gestellten 20 Mio. Euro des Bundes ein (zwar ein sehr bescheidener) Anfang, der aber mit Unterstützung der Länder zumindest einen Auftakt der konkreten Bildungsarbeit ermöglichen könnte.
Frau Dr. Hannelore Bastian, Sprecherin der Geschäftsführung der Hamburger Volkshochschule, gab einen Rückblick auf 25 Jahre Grundbildung und Alphabetisierung an der VHS:
"Es war die Beobachtung einer Kursleiterin, die den Stein ins Rollen brachte: Inge Blatt berichtete mir von Teilnehmern aus ihrem Rechtschreibkurs, die immer in der letzten Reihe saßen und sich nie aktiv beteiligten. Sie hat sich gewundert, nachgefragt und erfahren, dass ihr Unterricht diesen Teilnehmern überhaupt nichts nützt: Sie konnten nicht einmal alle Buchstaben identifizieren."
"Unsere VHS-Kurse trugen zunächst den Titel „für Legastheniker“; wir hatten den Eindruck, dass Betroffene sich eher mit einer Lese-Rechtschreibschwäche outen würden als mit der schambesetzten Tatsache, überhaupt nicht Lesen und Schreiben zu können. Die Nachfrage stieg, ebenso wie die Arbeitslosigkeit unter Geringqualifizierten: viele waren den schriftsprachlichen Anforderungen in der Arbeitswelt nicht mehr gewachsen. Eine PANORAMA-Sendung im November 1980 trug dazu bei, dass Analphabeten vermehrt über Kontaktpersonen an die VHS verwiesen wurden."




